Schmerzen im Körper, aber krank ist die Seele

Hinter körperlichen Beschwerden, für die es keine konkrete körperliche Ursache gibt, kann eine Erkrankung der Seele stecken. Diese Erkrankung nennt sich somatoforme Störung. Was diese Krankheit ist und welche Formen es gibt, erfahren Sie in diesem Artikel.

12 von 100 Menschen leiden an körperlichen Beschwerden, ohne dass der Arzt eine körperliche Ursache finden kann. Dazu zählen Beschwerden wie der dauerhafte Rückenschmerz oder Darm-Beschwerden. Diese können die Lebensqualität von Betroffenen enorm senken. Oft werden die Beschwerden mit Medikamenten gelindert, aber die Ursache dadurch nicht behoben. Es ist für Betroffene schwer nachzuvollziehen, dass unsere Seele der Auslöser für diese Beschwerden sein kann. Das Problem dabei ist, dass man nicht einfach eine Tablette einnehmen kann, um die Ursache für die körperlichen Beschwerden zu beheben. Nur eine Auseinandersetzung mit sich selbst kann die Beschwerden einer somatoformen Störung dauerhaft verschwinden lassen.

Was ist die somatoforme Störung?

Somatisch bedeutet in der Medizin „auf den Körper des Menschen bezogen”. Die Erkrankung somatoforme Störung ist eine seelische Erkrankung, bei der körperliche Beschwerden bleiben oder wiederkehrend sind, ohne dass eine ausreichende körperliche Ursache zu erkennen ist. Es gibt verschiedene Formen der somatoformen Störung. Alle Formen haben Gemeinsamkeiten in ihren Beschwerden und Verläufen, müssen aber dennoch voneinander abgegrenzt werden.

Die Brisanz der Erkrankung zeigt sich in den Hausarzt-Praxen. 20 Prozent der Patienten haben Beschwerden ohne fassbare körperliche Ursache. Betroffene fordern Erklärungen für ihre Beschwerden. Dadurch werden verschiedene Untersuchungen veranlasst. Die Betroffenen neigen auch dazu, den Arzt zu wechseln, um eine Erklärung für ihre körperlichen Beschwerden zu finden. Das zieht hohe Kosten für das Gesundheitssystem nach sich und die Beschwerden der Betroffenen bleiben bestehen.

Ursachen für körperliche Beschwerden ohne körperliche Ursache

Können Brustschmerzen, Erbrechen oder eine Gleichgewichts-Störung von der Seele hervorgerufen werden? Ja. Schon kleine Mengen an Botenstoffen aus dem Gehirn können im Körper Reaktionen hervorrufen. Was passiert in Ihrem Körper, wenn Sie aufgeregt sind? Die Hände werden feucht und das Herz schlägt schneller – hervorgerufen durch ein Gefühl. Vielleicht kennen Sie auch die Redensart: „Das schlägt mir auf den Magen“. Emotionen, Gefühle und Gedanken steuern unseren Körper unbewusst. Der Körper findet so eine Sprache, um zu übersetzen, wie es ihm geht. Beschwerden werden so ein Ausdruck für den seelischen Zustand.

Viele Menschen leiden an Stress. Stress auf Arbeit und Zuhause. Aber was ist Stress? Auch Stress ist eine Reaktion des Menschen auf einen äußeren Zustand. Die Reaktion können stark beeinträchtigende körperliche Beschwerden sein.

Zeigt ein Betroffener körperliche Beschwerden, die seine Arbeitssituation so einschränken, dass er krankgeschrieben werden muss, nennt man das Krankheits-Gewinn. Der Betroffene wird aus der Stress-Situation herausgenommen. Die Beschwerden können dann kurzfristig besser werden, kehren aber zurück, sobald die äußere Belastung wieder auftritt. Wie ein Kreislauf fängt der Ablauf dann von vorne an.

Es gibt weitere verschiedene Theorien und Modelle, warum eine somatoforme Störung auftritt. Zum Beispiel können Persönlichkeits-Eigenschaften diese Erkrankung fördern. Auch eine verstärkte Aufmerksamkeit auf den Körper kann zur Erkrankung beitragen. Besonders dann, wenn Körperreaktionen und körperliche Beschwerden nur negativ bewertet werden. Zum Beispiel wäre eine extreme Form, wenn es kurz in der Brust sticht, das man sofort und ausschließlich an einen Herzinfarkt denkt.

Im Folgenden werden vier Formen der somatoformen Störung vorgestellt.

Was ist die Somatisierungs-Störung?

Bei der Somatisierungs-Störung treten verschiedene, wiederkehrende und wechselnde Beschwerden im Körper auf. Diese Form der somatoformen Störung muss mindestens zwei Jahre bestehen. Die Beschwerden können überall im Körper auftreten. Die Untersuchungen sind wie bei allen somatoformen Störungen meist ohne Ergebnis. Bei der Form geht es manchmal sogar soweit, dass Operationen durchgeführt werden, um nach der Ursache für die Beschwerden zu suchen. Bei der Somatisierungs-Störung treten zum Beispiel Kopfschmerzen, Schmerzen beim Wasserlassen oder sexuelle Beschwerden auf. Es können aber auch Probleme des Nervensystems bestehen, wie Schluck-Schwierigkeiten oder Gleichgewichts-Störungen.

Was ist die Hypochondrie?

Wenn man übermäßig Angst hat, an einer schlimmen Erkrankung zu leiden, dann nennt man das Hypochondrie. Die Erkrankten beschäftigen sich dabei sehr intensiv mit ihren körperlichen Beschwerden. Für die Beschwerden gibt es aber keine organische Erklärung. Der Hypochonder wertet dabei auch normale Körperreaktionen als negativ. Durch die nicht vorhandenen körperlichen Ursachen, wechseln die Erkrankten häufig den Arzt, um eine Untersuchung zu erhalten. Das zieht erhebliche Kosten für das Gesundheitssystem nach sich. Ungefähr vier Prozent der Menschen leiden an der Hypochondrie.

Hypochonder wollen eine seelische Ursache meist nicht wahrhaben und verweigern oft die wichtige Behandlung der seelischen Erkrankung. Von ihrem Umfeld werden Betroffene auch als eingebildete Kranke bezeichnet.

Was ist die somatoforme autonome Funktionsstörung?

Es gibt Körper-Funktionen, die nicht bewusst beeinflusst werden können. Das sind zum Beispiel die Atmung und die Verdauung. Dafür ist das unbewusst wirkende Nervensystem verantwortlich. Bei der somatoformen autonomen Funktionsstörung treten Beschwerden im unbewusst wirkenden Nervensystem auf. Diese Störung ist die häufigste Erkrankung unter den somatoformen Störungen. Betroffene haben zum Beispiel Herzschmerzen oder das Reizdarm-Syndrom. Beim Reizdarm-Syndrom hat man mindestens 12 Wochen hinweg Darm-Beschwerden wie Durchfall, Bauchschmerzen und Blähungen. Dabei ist keine  körperliche Ursache zu finden.

Was ist die somatoforme Schmerzstörung?

Wenn dauerhaft verschiedene und wiederkehrende Beschwerden mit quälenden Schmerzen bestehen, dann nennt man das somatoforme Schmerz-Störung. Wie bei den anderen Formen der somatoformen Störung gibt es keine körperliche Ursache, die die Schmerzen erklärt. Die Schmerzen treten neben seelischen Konflikten auf. Durch die Schmerzen sind Betroffene im sozialen Umfeld und im Berufsalltag noch mehr eingeschränkt.

Was kann man gegen die Erkrankung somatoforme Störung tun?

Wie die somatoforme Störung behandelt wird, ist vom Einzelfall abhängig. Die Behandlung hängt davon ab, wie stark die Beschwerden sind und wie lange sie schon bestehen. Oft haben die Hausärzte die schwere Aufgabe, die Erkrankung zu erkennen. Sie haben den Überblick über die Krankengeschichte ihres Patienten und bündeln Untersuchungs-Ergebnisse. Sie müssen frühzeitig mit den Betroffenen über mögliche seelische Zusammenhänge sprechen, ohne den Betroffenen zu stigmatisieren. Betroffene selbst müssen einen seelischen Zusammenhang ehrlich bestätigen und häufige Arzt-Wechsel vermeiden. Ein vertrauensvolles Arzt-Patienten-Verhältnis trägt maßgeblich zum Erkennen der Erkrankung und dem Erfolg der Behandlung bei. Gemeinsam mit einem Therapeuten oder dem Hausarzt kann eine somatoforme Störung behandelt werden.

Wie verläuft die somatoforme Störung?

Der seelische Zusammenhang der Erkrankung wird oft erst nach langem Verlauf hergestellt. Dabei wurden bereits viele Ärzte aufgesucht und teilweise auch aufwendige Untersuchungen gemacht. Es geht auch soweit, dass Operationen durchgeführt werden, um die Ursache zu finden – ohne Erfolg. Betroffene werden von ihrem Umfeld mit zunehmender Krankheitsdauer oft nicht mehr ernst genommen, was die Beschwerden negativ beeinflussen kann.

Die Erkrankung besteht daher über einen längeren Zeitraum. Leider ist es für Betroffene nur schwer nachzuvollziehen, dass eine seelische Ursache besteht. Sie lehnen dann Behandlungen der Seele durch Psychologen und Ärzte ab, oder zeigen nur schwer Einsicht. Ein Ausweg aus den Beschwerden stellt für einige auch der Missbrauch von Medikamenten wie Schmerzmitteln dar, oder der übermäßige Alkoholkonsum.

Je früher man die körperlichen Reaktionen einer somatoformen Störung als Ausdruck der Seele annimmt, umso schneller kann man sein Leben wieder ohne körperliche Beschwerden genießen.